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Hörsturz: Wie Watte im Ohr

24. Oktober 2008

Der zeitweilige Verlust des Gehörs galt lange als Stressfolge. Doch diese Theorie ist überholt

25073905Ohne Vorwarnung wird die Welt leiser. Was für Horst S. ein Grund zur Freude sein könnte, macht ihm eher Angst. Denn nicht der Lärm von draußen ist geringer geworden, sondern von einer Sekunde auf die andere hat sein rechtes Ohr dicht gemacht. Er spürt einen merkwüdigen Druck, als ob Watte darin stecken würde, und hört auf dieser Seite kaum noch etwas. Diagnose: Hörsturz.

Die Symptome

Jedes Jahr, so schätzen Experten, erleiden rund 16.000 Menschen in Deutschland einen Hörsturz. Am häufigsten trifft es Menschen zwischen 40 und 60 Jahren, aber auch Jüngere sind nicht dagegen gefeit. „Schmerzhaft ist der Hörsturz nicht. Viele Betroffene kommen zum Arzt, weil sie annehmen, sie hätten einen Schmalzpfropf im Ohr, der beseitigt werden müsse, damit sie wieder richtig hören“, berichtet Professor Friedrich Bootz, Direktor der HNO-Universitätsklinik in Bonn.

Andere Begleiterscheinungen wie starkes Ohrensausen, Schwindelgefühle oder Pfeifgeräusche (Tinnitus) treten bei einem Hörsturz eher selten auf. Nur gelegentlich sind beide Ohren betroffen, und die plötzliche Hörschwäche kann sogar zur Taubheit führen.

Unbekannte Ursachen

Über die Ursachen des überraschenden Gehörausfalls weiß man bis heute nichts Genaues. Eine gängige Theorie besagt, dass Durchblutungsstörungen des Innenohrs dort zu einer Art „Infarkt“ führen. Experte Bootz vermutet aber, dass sich das Geschehen nur in den ganz feinen Gefäßen abspielt: „Wahrscheinlich haften hier Blutplättchen aneinander und verstopfen dadurch die Kapillaren“, meint der HNO-Spezialist. Das könnte zur Folge haben, dass Zellen im Innenohr absterben und dadurch die Schallübertragung nachhaltig gestört wird.

Besondere Risikogruppen gibt es nicht, jedoch hat sich herausgestellt, dass manche Menschen empfindlichere Ohren haben als andere. Während viele selbst eine längere Lärmeinwirkung einigermaßen gut aushalten, reagieren andere bereits mit einer Hörstörung, wenn sie nur ein einziges Mal stärkerem Lärm ausgesetzt sind. Dass Stress und psychische Belastungen Hörstürze auslösen, wie häufig angenommen, habe man bisher nicht nachweisen können, sagt Bootz.

Zweifelhafte Therapien

Auch wenn das abrupte Eintreten der Hörschwäche beängstigend ist, sollten die Betroffenen Ruhe bewahren – denn die Selbstheilungsrate ist sehr hoch. In den meisten Fällen verschwinden die lästigen Symptome innerhalb weniger Tage ganz von allein wieder, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen. Ein Notfall ist der Hörsturz jedenfalls nicht, darüber sind sich die Experten inzwischen einig.

Friedrich Bootz rät dennoch zu einem Besuch beim Facharzt: „Man muss Erkrankungen ausschließen, die sich mit einer ähnlichen Symptomatik äußern können.“ Vor allem, wenn der Hörverlust massiv ist oder wenn intensive Ohrgeräusche auftreten, ist eine medizinische Abklärung ratsam. Der Experte wird zunächst mit Hörtests das Ausmaß der Schädigung ermitteln. Gegebenenfalls können Gleichgewichtstests und eine Kernspintomografie die Untersuchung ergänzen.

Die Behandlungsmöglichkeiten

Ist eine ernste Ursache ausgeschlossen, stehen dem Arzt mehrere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Einige davon beurteilen Fachleute eher skeptisch. Dazu gehören Infusionen, welche die Durchblutung der Innenohrgefäße anregen, die sogenannte hyperbare Sauerstofftherapie oder eine „Blutreinigung“, bei der Substanzen entfernt werden, die den Blutfluss in den Gefäßen behindern oder die Gerinnung fördern.

 

In den meisten Fällen – zumal den leichteren – scheint aber die einfachste Methode auch die beste zu sein: abwarten, ob die Symptome nicht von selbst wieder abklingen.




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